Rethink, Reuse, Renovate

Projekt
Saniertes Hofhaus am Hauptplatz Retz
Eigentümer
David u. Theresia Heichinger
Planung
Mag. David Heichinger und Heinrich Diringer
Verfasserin
DI Barbara Calas-Reiberger
Fotos
Wolfgang Spekner (www.spekner.com)
Erstveröffentlichung

Saniertes Hofhaus am Hauptplatz Retz

Altes neu denken: Nach dreieinhalbjähriger Sanierung erstrahlt ein denkmalgeschütztes Hofhaus am Retzer Hauptplatz in neuem Glanz. Die junge Besitzerfamilie setzte konsequent auf Bestandserhalt – von wiederverwendeten Tannenholzdielen über restaurierte Gewölbe bis hin zu recycelten Materialien aus einem abgetragenen Gebäudeteil.

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Der Innenhof wurde zu einer grünen Oase mitten im Zentrum von Retz.

Am nördlichen Rand des Weinviertels, wo sanfte Hügel in weite Felder übergehen, liegt Retz – eine Stadt, die ihre jahrhundertelange Weinbautradition bis heute lebt. Ein weitläufiges Netz unterirdischer Kellergänge durchzieht die gesamte Stadt. Im Zentrum erhebt sich der Hauptplatz, ein regelmäßig-rechteckiger Platz mit der Marienkapelle und dem Rathaus in seiner Mitte. Die geschlossene Bebauung präsentiert sich überwiegend zweigeschoßig und traufständig – ein harmonisches Ensemble historischer Bürgerhäuser. Eingebettet in dieses Stadtensemble erstrahlt nach dreieinhalbjähriger Bauphase ein Wohnhaus, dessen Wurzeln bis ins späte Mittelalter zurückreichen.

Schichten an Geschichte

Nach dem verheerenden Brand von 1557, der die gesamte westliche Häuserzeile des Hauptplatzes vernichtete, entstand an dieser Parzelle im 16. Jahrhundert ein Neubau. Das Haus erlebte im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Besitzerwechsel und unterschiedliche Nutzungen. So war im 16. Jahrhundert der Stadtschreiber hier untergebracht – eine bedeutende Position, die von besonderer städtischer Wichtigkeit zeugt. Im frühen 19. Jahrhundert ist ein Fassbinder als Eigentümer überliefert, ein Beruf, der in der Weinbaustadt Retz unverzichtbar war. Die Bausubstanz erzählt von verschiedenen Epochen: Der Keller stammt noch aus dem 15. Jahrhundert, das Erdgeschoß aus dem 16., während die klassizistische Blendfassade mit ihren fünf Fensterachsen und Eckpilastern gegen Ende des 18. Jahrhunderts vor das Gebäude gesetzt wurde. Ein barockes Marienrelief ziert die Fassadennische. Aufgrund seiner geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung steht das Gebäude heute unter Denkmalschutz.

Der Gebäudekomplex besteht aus zwei aneinander gestellten Baukörpern, die einen L-förmigen Grundriss bilden: Der Haupttrakt schließt zum Hauptplatz ab, ein Seitentrakt erstreckt sich nach Westen. Dazwischen öffnet sich ein Innenhof. Vormals stand noch ein weiterer Gebäudeteil im Innenhof. Dieser wies allerdings eine derart schlechte Bausubstanz auf, dass er abgetragen werden musste. Dadurch gewann der Innenhof an Qualität und Großzügigkeit. Die Materialien des abgebrochenen Gebäudeteils fanden eine neue Bestimmung: Ziegel, Balken und Steine wurden sorgfältig sortiert und in der Sanierung wiederverwendet. Recycling im besten Sinne!

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Helles Arbeitszimmer mit historischem Stichkappengewölbe.

Altes neu denken!

Als die junge Familie im Jahr 2018 das Haus erwarb, stand zunächst eines im Vordergrund: den Bestand richtig kennenzulernen. Um die Tagesstimmungen und den Lichteinfall in den verschiedenen Räumen zu studieren, stellte die Familie kurzerhand ihren Campingbus im Innenhof ab und verbrachte einige Zeit vor Ort, im damals noch unsanierten Gebäude. Dies half bei der Entscheidung, welche Räume welche Nutzung bekommen sollten. "Wir wollten uns den Räumen anpassen", erinnert sich die Besitzerin an die Anfangszeit. Heute hat die Familie im ersten Obergeschoß ihren Lebensmittelpunkt gefunden, im vorderen Teil des Erdgeschoßes hin findet sich eine kleine Mietwohnung.

Diese respektvolle Haltung prägte die gesamte Sanierung. Die Raumaufteilungen blieben erhalten, tragende Bauteile unangetastet. Stillgelegte Kamine wurden geschickt für neue Leitungsführungen genutzt, während die Haustechnik samt Elektroleitungen komplett erneuert wurde. Eine besondere Herausforderung stellte der neue Fußbodenaufbau dar: Der alte Aufbau wurde abgetragen, um eine Fußbodenheizung samt Dämmung einzubauen. Ein besonderer Kraftakt war die Wiederverwendung der alten Tannenholzdielen. Diese wurden vor dem Wiedereinbau sorgfältig ausgebaut, gehobelt und weiß geölt. Durch Verschnitt und stark beschädigte Bretter, die aussortiert werden mussten, reichte das Material allerdings nur mehr für zwei Zimmer. Alle anderen Bereiche erhielten einen hellen Terrazzobelag, dessen Farbton sorgfältig auf Holz und Sandstein abgestimmt wurde.

Um annähernd das gleiche Bodenniveau wiederzuerlangen, war Fingerspitzengefühl gefragt – sonst hätten Fensterbrüstungen und Türschwellen nicht mehr gepasst. Bei einzelnen Sandstein-Türschwellen, wo die Durchgangshöhe von vornherein gering war, fanden sich individuelle Sonderlösungen. Die historischen Stichkappengewölbe und Stuckspiegeldecken wurden sorgfältig restauriert. Gleiches galt für die alten Kastenfenster. Verborgene Nischen und vereinzelte Wände wurden wieder freigelegt. Auch der ein oder andere Eingriff der Vergangenheit wurde im Zuge der Sanierung korrigiert. Im März 2021 war es geschafft.

Mit den helfenden Händen meines Vaters, dem feinen Auge meiner Frau und meinem strategischen Blick konnten wir den Charakter des Hauses behutsam von der Renaissance in die Moderne überführen.
David Heichinger

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