Nachverdichtete Ortsmitte

Projekt
Ortszentrum Markersdorf-Haindorf
Eigentümer
Marktgemeinde Markersdorf-Haindorf und GEDESAG
Planung
Architekt Christian Galli ZT GmbH
Autorin
DI Barbara Calas-Reiberger
Fotos
Romana Fürnkranz
Drohnenfotos
Christoph Bertos
Erstveröffentlichung

Ortszentrum Markersdorf-Haindorf

Manchmal braucht es Weitblick, um Bestehendes neu zu interpretieren. Die Gemeinde Markersdorf-Haindorf wagte den mutigen Schritt, ihr Zentrum grundlegend neu zu denken. So wurde aus einem ungenutzten Lagerhausturm ein architektonisches Vorzeigeprojekt, das zeigt, wie moderne Ortskernbelebung gelingen kann. Statt Abriss setzte man auf kreative Transformation – und schuf damit ein lebendiges Ortszentrum.

Die Silhouette vieler Ortschaften am Land wird traditionell von zwei markanten „Wahrzeichen“ geprägt: dem Kirchturm und dem Lagerhausturm. Dies galt auch für die niederösterreichische Gemeinde Markersdorf-Haindorf, wo der imposante Lagerhausturm über Jahre leer und ungenutzt blieb. Nach dem Neubau des Feuerwehrhauses – aus Platzgründen am Ortsrand - und dem Ankauf des ehemaligen Lagerhauses bot sich die Gelegenheit, auf rund 3.500m2 den Ortskern neu zu gestalten. Mit weitsichtigem Blick initiierte die Gemeinde daher ein ambitioniertes Projekt zur Neugestaltung des Ortszentrums. Ziel war es, den Ortskern wiederzubeleben, um gleichzeitig den lokalen Nahversorger zu halten, erklärt Bürgermeister Friedrich Ofenauer.

Ein solch tiefgreifender Wandel braucht Zeit sowie eine sorgfältige Planung. Die ersten Schritte zur Ortskernentwicklung wurden bereits vor knapp 10 Jahren eingeleitet. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der aktiven Einbindung der Bevölkerung: In Workshops und öffentlichen Präsentationen erhielten die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, ihre Ideen und Anregungen in den Gestaltungsprozess einzubringen.

Für die Umsetzung überzeugte die GEDESAG als Projektentwickler in einem EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerb mit ihrem innovativen Konzept: vier Hauptbaukörper, die Wohn- und Arbeitsräume, aber auch Nutzflächen für die Gemeinde bieten.

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Der leerstehende Getreidespeicherturm wurde zu einem Multifunktionsgebäude.

Besonderes Augenmerk wurde auch auf die Reduktion der Oberflächenversiegelung gelegt: durch die Widmung Bauland Kerngebiet N-2,0 wurde eine Nachverdichtung möglich.

„Beeindruckt bin ich darüber, dass auf der Grundstücksfläche von ca. 3.100 m² 28 Wohnungen mit einer Wohnnutzfläche von ca. 1.800 m² und für die Gemeinde samt Gewerbeflächen eine Nutzfläche von ca. 1.150 m² erzielt wurden. Hier haben wir eine optimale Nachverdichtung geschaffen“, betont GEDESAG-Vorstand Peter Forthuber.
Peter Forthuber, GEDESAG-Vorstand

Getreidespeicher mit Ausblick

Daraus resultierend wurde ein Ensemble samt Platzgestaltung geschaffen, das viele verschiedene Nutzungen miteinander verbindet. Der leerstehende Getreidespeicherturm des Lagerhauses wurde dabei in ein modernes Multifunktionsgebäude verwandelt. Dieses beherbergt nicht nur das neue Gemeindeamt, sondern auch einen flexibel nutzbaren Sitzungssaal und eine öffentliche Bibliothek. Als besonderes Highlight wurde im obersten Stockwerk ein Saal eingerichtet, der mit seinem Panoramaausblick ins Alpenvorland begeistert. Der Saal und der Cateringbereich im 5.Stock können für besondere Anlässe gemietet werden – insbesondere Heiratswillige können aus dem Verwaltungsakt am Standesamt ein Erlebnis in besonderem Ambiente machen.

Die bauliche Transformation des Lagerhausturms war eine komplexe Herausforderung, erklärt der Architekt. Das Gebäude musste vollständig entkernt werden, um Platz für sechs neue Geschoßebenen zu schaffen. Glücklicherweise war die Gebäudesubstanz ausgezeichnet. Eine besondere technische Herausforderung war das präzise Einschneiden der Fensteröffnungen in die bestehende Außenhülle. Im Inneren setzt das Gestaltungskonzept auf eine reduzierte Formensprache: Hochwertige Materialien und warmes Eichenholz schaffen eine einladende Atmosphäre.

In unmittelbarer Nähe entstanden zudem 28 geförderte Wohnungen des Projektpartners GEDESAG, eine Trafik, eine Kinderbetreuungseinrichtung sowie ein Coworking-Space. Statt eines massiven Gebäudekomplexes wurden mehrere kleinere Baukörper geschaffen, die sich harmonisch in die kleinteilige Struktur des Dorfes einfügen. Häuser mit schlichten Satteldächern und weiß verputzten Fassaden orientieren sich am bestehenden Ortsbild. Akzente werden durch goldfarbene Balkone und Loggien geschaffen. Zudem sind die Fassaden teilweise mit hochwertigen Holzverkleidungen oder Vertikalbegrünungen ausgestattet.

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Nachverdichtung im Ortskern: 28 geförderte Wohnungen rund um den neuen Dorfplatz.

Mehr Leben statt Leere

Die öffentlichen und halböffentlichen Nutzungen in den Erdgeschoßzonen beleben den neuen Dorfplatz. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Integration von Grünflächen in das Platzkonzept. Der bestehende Baumbestand wurde behutsam in die Neugestaltung integriert – allen voran die alte Buche, die zum zentralen Element des Marktplatzes wurde. Wassergebundene, sickerfähige Beläge, insbesondere im Wurzelbereich der Buche, gewährleisten eine nachhaltige Wasserversorgung. Die insektenfreundlichen Staudenpflanzungen fördern nicht nur die Biodiversität, sondern tragen auch zur Klimaresilienz bei. Einladende Sitz- und Verweilbereiche schaffen Räume der Entspannung inmitten dieser naturnahen Atmosphäre.

Ein durchdachtes Mobilitätskonzept rundet die Neugestaltung ab. Eine einheitliche Oberflächengestaltung löst die frühere Trennung der beiden Straßenseiten auf: Als neue Begegnungszone verschmelzen die gegenüberliegenden Seiten zu einem großzügigen, zusammenhängenden Platz. Dieser bietet nun Raum für den Wochenmarkt oder saisonale Veranstaltungen wie den Adventmarkt. Die konsequent barrierefreie Gestaltung mit abgesenkten Bordsteinkanten und stufenlosen Übergängen macht den Platz zu einem inklusiven Ort der Begegnung für alle Generationen.

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