Kooperative Stadt- & Regionalentwicklung

Gesprächspartner
Mag. Dr. Yvonne Franz und Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Heintel
Interviewführung
DI Barbara Calas-Reiberger
Fotos
Philipp Brunner (www.brunner-images.at)
Erstveröffentlichung
NÖ Gestalten
Weiterführende Informationen

Kooperative Stadt- & Regionalentwicklung

Anlässlich der neu erschienenen zweiten Auflage des Buches „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ zeigen Yvonne Franz und Martin Heintel auf, wie behutsame Zusammenarbeit Städte und Regionen nachhaltig stärken kann. Denn aktuelle Problemlagen wie Bodenversiegelung, Biodiversitätsverlust und bezahlbarer Wohnraum lassen sich ohne respektvolle Kooperation weder in einzelnen Kommunen noch auf regionaler oder europäischer Ebene lösen.

Dabei braucht es eine gemeinsame Sprache, die produktive Verständigung zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft schafft. Im folgenden Gespräch erläutern die beiden Herausgeber, warum Kooperation heute unverzichtbar und zugleich erlernbar ist.

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Lienz in Osttirol: Multifunktionale Unterführung für eine verbesserte Ortskernverbindung.

Das Paradoxe an Kooperationen: Sie entstehen meist erst, wenn der Problemdruck groß genug ist. Warum warten Städte und Regionen oft so lange, obwohl Kooperation doch eigentlich präventiv wirken könnte?

Wenn wir auf Kommunen und deren Verantwortung für das Gemeinwohl fokussieren, dann sind es vor allem öffentlichkeitswirksame Veränderungen der sogenannten Daseinsvorsorge, die Aufsehen erregen. Gemeindeübergreifende Kinderbetreuungs- und Gesundheitsversorgungsangebote, Feuerwehrzusammenlegungen oder die Privatisierung von Müllentsorgungssystemen erwecken den Anschein, dass der primäre Antrieb zur Kooperation häufig im Leidensdruck fußt. Solange allgemeine Zufriedenheit herrscht und ausreichend finanzielle Mittel verfügbar sind, gibt es oft wenig Anlass zur Veränderung von Routinen in Verwaltung und politischer Rhetorik. Geht das Geld hingegen aus, kommt es vergleichsweise rasch zu Zusammenlegungen von Diensten und Infrastrukturen der Daseinsvorsorge, die Städte und Regionen nachhaltig verändern. Kooperation kann aufs Erste anstrengend sein, da Ressourcen für Vernetzungsarbeit, Austausch und Kommunikation eingebracht werden müssen – oft über politische Grenzen hinweg. Das ist oftmals ungewohnt und auch außerhalb der Komfortzone. Ohne akuten Anlass vorausschauend zu kooperieren setzt persönlichen Einsatz, Bereitschaft und Weitsicht voraus. Dafür ist routinemäßig auf kommunaler Ebene aufgrund knapper Personalressourcen oftmals keine Zeit. Das zusätzliche Engagement bindet weitere Kapazitäten, die schwer zu mobilisieren jedoch grundsätzliche vorhanden sein sollten.

Wo sehen Sie die größten ungenutzten Potenziale für Kooperation in der österreichischen Raumplanung?

Nehmen wir die Kommunalsteuer als Beispiel. Im Grunde genommen ist sie ein Anreiz zur Zersiedelung und zum Bodenverbrauch. Gäbe es hier gesetzliche Vorgaben für kooperative Maßnahmen, könnten Mittel zwischen den Gemeinden besser verteilt und Infrastrukturen gemeindeübergreifend leichter organisiert werden. Gegenwärtig geht es in der Regel darum, die eigene Gemeinde im Fokus der Investitionen zu sehen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Welche Herausforderungen bestehen bei der Kooperation verschiedener Akteure – unterschiedliche Interessen, bürokratische Hürden, fehlende Ressourcen? Wo sind die größten Stolpersteine?

Verwaltung, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in all ihrer Verschiedenheit haben unterschiedliche Sicht- und Arbeitsweisen, Zielvorgaben und Erfolgsmaßstäbe. Das ist auf der einen Seite eine komplementäre Ressource, da mehr Perspektiven oft ein besseres Ergebnis für Viele erzielt. Wenn allerdings in einem System der Governance zusammengearbeitet werden soll, kann dies oft auch hinderlich sein. Das äußert sich in langen Verfahrens- oder Umsetzungsdauern, Frustration unter Beteiligten oder auch Kompromisslösungen. In unserem universitären Programm zur „Kooperativen Stadt- und Regionalentwicklung“ bemühen wir uns daher, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Ziel ist es, gemeinsame Entscheidungen besser im gegenseitigen Verständnis treffen zu können und gleichzeitig fokussierter auf die großen Zukunftsherausforderungen blicken zu können.

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Lienz in Osttirol: Multifunktionale Unterführung für eine verbesserte Ortskernverbindung.

Klimawandel, Urbanisierung, demographischer Wandel – welche dieser großen gesellschaftlichen Herausforderungen zwingt Gemeinden am schnellsten zur Zusammenarbeit?

Zentral ist das gute Leben für Alle. Wenn die Lebensqualität Vieler unter Druck steht, wird zumal politisch schnell gehandelt. Das kann teilweise auch in Symbolpolitik mit schnellen Maßnahmen für kurzfristige Lösungen münden. Beispielslos sind solidarische Kooperationen in Akutsituationen wie im Langen Sommer der Migration 2015 oder nach Extremwetterereignissen wie dem Hochwasser 2024. Die Zivilgesellschaft leistet hier im Schulterschluss mit NGOs, öffentlichen Akteur*innen und engagierten Unternehmen in kürzester Zeit enorm viel. Langsamere Entwicklungen wie die Verödung von Ortskernen durch die Verlagerung des Einzelhandels in Einkaufszentren auf der ehemals grünen Wiese oder in den Onlinehandel werden hingegen seltener mit gut durchdachten und zukunftsfähigen Lösungen angegangen.

Gibt es Best-Practice-Beispiele für gelungene Kooperationen? Was waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren?

Der Wunsch nach Best-Practice-Beispielen ist verständlich, jedoch auch problematisch: Jede nachhaltig wirksame Lösung basiert in der Regel auf sehr spezifischen Herausforderungen und Möglichkeiten. Das simple Übertragen erfolgreicher Maßnahmen von einer Region in eine andere ist schlichtweg nicht möglich. Verallgemeinernd gesagt, sind immer ein fundiertes Problemverständnis durch Betroffene sowie ein transparenter Kommunikationsprozess notwendig. Dann gelingt auch die Ortskernrevitalisierung, das Multifunktionszentrum in Kleinstädten oder ein breit angelegtes Partizipationsprojekt in einer Großstadt.

Welche Potenziale ergeben sich aus einer verstärkten Zusammenarbeit auf Stadt- und Regionalebene?

Neben dem effizienten Ressourceneinsatz, der auch Grund und Boden oder Wasser und Energie beinhaltet, ist das Potential auch auf einer sozialen Ebene zu sehen: Die Zufriedenheit Einzelner, im eigenen Wirkungskreis gemeinsam mehr erreichen zu können ist nicht zu unterschätzen. Das führt auch zu einer höheren Zufriedenheit im Berufsumfeld. Im Zusammenhang mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung und Demokratieverdrossenheit sehen wir Kooperationen für ein gutes Leben für Alle als zentralen Hebel der Zukunft.

Sie bieten an der Uni Wien ein berufsbegleitendes Weiterbildungsprogramm „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung“ mit Masterabschluss an. Welche Voraussetzungen brauchen Interessierte für die Anmeldung? Welche konkreten Kompetenzen und Methoden lernen die Studierenden dort, um in ihrem beruflichen Alltag erfolgreiche Kooperationen zu initiieren und zu gestalten?

Für die Zulassung zu einem der Zertifikatsprogramme benötigen Interessierte entweder die allgemeine Hochschulreife (Matura) und eine mindestens 2-jährige einschlägige Berufserfahrung oder ein abgeschlossenes Hochschulstudium.

Das Weiterbildungsprogramm "Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung" befähigt dazu, das vermittelte konzeptionelle wie theoretische Wissen und die praxisorientierten Übungen im jeweiligen Berufskontext anzuwenden. Was die Teilnehmenden dort konkret lernen, zeigt sich in der besonderen Praxisorientierung des Programms: Einer unserer Absolventen gab uns kürzlich mit, er habe in 20 Jahren Berufsalltag nicht so viel gelernt, wie im vergangenen Semester. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Lehrenden zählen hierzu ebenso wie bewusst ausgewählte Fallbeispiele. Mittlerweile umfasst unser Weiterbildungsprogramm über 100 Lehrbeauftragte aus Österreich, Deutschland, Norwegen, Slowenien und vielen weiteren Ländern. Alle teilen das gemeinsame Ziel, mittels Kooperation in der Stadt- und Regionalentwicklung näher an Lösungskompetenzen zu kommen. Die Verschränkung einer validen Datenbasis, Kommunikation im fachspezifischen Kontext, internationale Sichtweisen oder auch über Gemeindegrenzen hinweg zu handeln – es kommt letztlich auf die Fragestellungen an, das Gelernte im passenden Kontext anwenden zu können.

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Lienz in Osttirol: Multifunktionale Unterführung für eine verbesserte Ortskernverbindung.

Sie schreiben, dass "Kooperationen zur zwingenden Voraussetzung" werden. Das klingt nach einer ziemlich drastischen Prognose. Ist das eine Warnung oder eine Chance?

Beides: Zum einen als Appell, um in einzelnen Bereichen wie beispielsweise dem Aufheizen der Innenstädte schneller entgegenzuwirken, um anderen besteht die Chance darin, Fragestellungen in Kooperationen zu bearbeiten oder sogar zu beantworten, die wir als Einzelperson oder Institution nicht bearbeiten könnten. Kooperation soll auch Mut machen! Einzelne Interessensverbände erkennen hier bereits ihre Chance: Im Herbst 2025 starten wir exklusiv mit dem Destinations-Netzwerk Austria (dna) eine Nachhaltigkeitsakademie für österreichische Touristiker*innen.

In zehn Jahren wird eine "Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung" das neue Normal sein – diese Vision möchten wir hier bewusst festhalten. Sie entwickelt sich von einer Option zu einer unverzichtbaren Grundlage nachhaltiger Raumentwicklung.

Für wen ist Ihr Buch ein absolutes Muss - und was ist das wichtigste Learning, das Praktiker:innen mitnehmen werden?

Das Buch empfehlen wir allen, denen Raumentwicklung ein Anliegen ist! Raum ist eine enden wollende Ressource und damit sehr wertvoll. Das Buch soll motivieren, gemeinsam neue Wege des Miteinanders auszuprobieren.

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